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Gespendetes Gesicht
Chirurgen wollen in Zukunft komplette
Gesichter verpflanzen. Kandidaten sind Menschen mit schwersten Gesichtsverletzungen.
Ist das ethisch vertretbar? Und wie leben Menschen mit dem Gesicht eines
Toten?
"In Lüneburg starrte mich eine Frau mal so an,
dass ich sagte: Soll ich stehen bleiben oder haben Sie schon alles gesehen?
Da kriegte die einen roten Kopf und ging weg", erzählt Magdalene
Eggers, 71, in der online-Ausgabe des Magazins "Zeit-Wissen".
Vor mehr als zehn Jahren hatte sie einen Autounfall, ihre Haut verbrannte
bis zur Unkenntlichkeit. Chirurgen flickten Körper und Haut wieder
zusammen, "der eine hatte die linke Seite vom Gesicht gemacht, der andere
die rechte, der dritte die Finger", schreibt Eggers. Ein Jahr lang trug
sie eine starre Gesichtsmaske, ihre Arbeitskollegen, so sagten die Ärzte,
müssten sich eben daran gewöhnen. Taten sie aber nicht, vielmehr
war ihnen der Auftritt mit Magdalene unangenehm: "Mensch, mit dir mag
man ja gar nicht über die Straße gehen. Zieh dir bloß
wieder eine lange Hose an", riet ihr einmal eine Bekannte.
Zerstörtes Antlitz
Kandidaten für eine Gesichtstransplantation trauen sich oft jahrelang
nicht in die Öffentlichkeit, sie ziehen sich zurück, sind apathisch,
manche sogar suizidgefährdet. Verbrennungen, eine Explosion oder
die Attacke eines bissigen Hundes haben das Gesicht zerstört. Das
Antlitz ähnelt eher einer Maske - ohne Ausdruck, ohne Mimik, ohne
Lächeln. Gesichtschirurgen und Spezialisten für Verbrennungen
sind jetzt zu einem radikalen Schnitt entschlossen: Sie wollen das komplette
Gesichts eines Toten transplantieren. In Cleveland, Ohio, bekam die polnische
Ärztin Maria Siemionow jetzt die erste Erlaubnis dafür. Wer
das neue Gesicht erhält, steht allerdings noch nicht fest.
Auch in Deutschland ist diese Art der Transplantation ein Thema. "Wir
haben es immer wieder mit total verbrannten Gesichtern zu tun", sagt Prof.
Günter Germann von der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in
Ludwigshafen gegenüber Netdoktor. "In der Theorie beschäftigen
wir uns schon längere Zeit damit."
Fremdes "Ich"
Das neue Gesicht hat nicht mehr viel mit dem angeborenen zu tun, es trägt
außerdem die Züge eines Toten. Und hier liegen nach Ansicht
von Ärzten und Ethikkommissionen die großen Hindernisse: Wie
reagieren die Angehörigen des Spenders, wenn sie dem Gesicht eines
geliebten Menschen bei einem Fremden wieder begegnen? Und umgekehrt: Was
empfindet der Empfänger, wenn er nach der Operation in den Spiegel
blickt? Er sieht nicht mehr sein früheres "Ich" und auch nicht das
nach dem Unfall, sondern ein vollkommen fremdes Gesicht.
Zum Transplantationsteam gehören deswegen nicht nur der Chirurg,
sondern ein ganzer Stab an Psychologen und Betreuern für Empfänger
UND Angehörige des Spenders. Denn nur mit einem vorbehaltlosen "ok"
der Familienangehörigen könne eine solche Operation stattfinden,
bestätigt Prof. Milomir Ninkovic vom Zentrum für Schwerbrandverletzte
der Städtischen Klinik München-Bogenhausen.
Kopie oder Mischung
Der Plan sieht so aus: Chirurgen übertragen die gesamte Gesichtshaut
mitsamt Augenbrauen, Lidern, Nase, Mund und Lippen auf den Empfänger.
Sie verbinden altes mit neuem Muskelgewebe sowie die entsprechenden Gesichtsnerven.
Die Blutversorgung ist dabei noch ein vergleichsweise kleines Problem.
Schon wenige Aderverbindungen reichen, um das Gesicht vollständig
zu durchbluten. "Die technische Seite ist weitgehend gelöst", weiß
Germann.
Die ersten Empfänger eines neuen Gesichts werden den Spendern wohl
nicht allzu ähnlich sehen. Denn das ist nur der Fall, wenn neben
der Oberhaut und darunter liegendem Gewebe auch Knorpelgewebe und die
meisten der mehr als 30 Gesichtsmuskeln transplantiert werden. "Ob das
notwendig ist", so erklärt Ninkovic, "hängt vor allem davon
ab, wie viel Eigenmotorik bei der Gesichtsmuskulatur des Empfängers
noch übrig ist." Für den Anfang werde man sich Patienten suchen,
bei denen das Mienenspiel noch weitgehend intakt sei.
Auch Prof. John Barker, Chef der Chirurgischen Forschung der Universitätsklinik
in Louisville/Kentucky, glaubt, dass die Ängste vor einer Gesichtskopie
übertrieben sind. Er bemüht sich ebenfalls um die Genehmigung
für eine Gesichtstransplantation und hat schon umfangreiche Vorarbeit
geleistet: Er transplantierte die Gesichter von 20 Spendern auf einen
anderen Schädel und überprüfte, wie ähnlich der Empfänger
dem Spender war. Fast immer entstand ein neues Gesicht, das sowohl Züge
des Spenders als auch des Empfängers trug.
Immunabwehr in Schach
Nicht nur psychische Stabilität, sondern auch körperliche Gesundheit
ist bei den Empfängern eines neuen Gesichts gefragt. Die Haut ist
eines der aktivsten Organe der menschlichen Immunabwehr und reagiert stark
gegen alles, was ihr fremd ist. Damit der Empfänger die fremde Haut
nicht abstößt, muss er vermutlich lebenslang so genannte Immunsuppressiva
schlucken. Medikamente, welche die Abwehrreaktion gegen den unbekannten
Stoff unterdrücken. Das bedeutet aber auch, dass selbst kleine Infektionen
zur großen Gefahr werden. Sind innere Organe vorgeschädigt,
sinkt die Überlebenschance.
Dennoch schätzt Ninkovic die Chancen gut ein, dass die Empfänger
das fremde Gesicht behalten. "Wahrscheinlich sind die Chancen sogar besser
als bei der Transplantation innerer Organe." Als einer der wenigen Ärzte
hat er bereits Erfahrungen bei der Verpflanzung von "gemischtem Gewebe"
- also Muskeln, Fett und Haut - gesammelt. Bereits vor fünf Jahren
transplantierte er zusammen mit anderen Chirurgen eine komplette Hand.
Die Erfahrungen dieser Transplantationen kommen jetzt auch den geplanten
Gesichts-OPs zugute. Von den insgesamt 25 Händen - davon vier doppelseitige
Transplantationen - wurden nur ganz wenige wieder abgestoßen.
"Bin nicht mehr die, die ich war"
Dennoch bleibt ein gewisses Restrisiko. Was passiert, wenn der Empfänger
nach einigen Jahren sein Gesicht wieder "verliert"? Im Jahr 2003 sprach
sich deswegen der angesehene englische Chirurgenverband "Royal College
of Surgeons" gegen komplette Gesichtstransplantationen aus. Auch in Frankreich
wurde ein entsprechender Antrag an die Ethikkommission bereits abgelehnt.
In Deutschland, so Germann, "liegen die Meinungen weit auseinander." Insgesamt
sei die Stimmung aber eher ablehnend. Bei einer Abstoßung, so Barker,
wäre man wieder bei "Square One" - also dort, wo man vor der Transplantation
angefangen hätte. Das bedeutet: Hautverpflanzungen von anderen Körperteilen
in das Gesicht, unzählige Narbenoperationen und ein Fleckenteppich
von Hautfetzen.
Magdalene Eggers jedenfalls würde eine Gesichtstransplantation wagen:
"Ich bin ja schon nicht mehr die, die ich war. Es wäre schon toll,
wenn meine Gesichtshaut eine durchgehende Fläche wäre. Wäre
ich 18, würde ich auf diese Frage noch schneller antworten."
Erschienen bei www.NetDoktor.de
im Februar 2005
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