 |
Gefährliche Hochzeit
Mischen sich Vogelgrippe- und Grippeviren
zu einem neuen, viel gefährlicheren Virus? Ja, warnt die Weltgesundheitsorganisation
WHO. Wie rüstet sich die Welt für den Tag X?
Das Szenario klingt ziemlich düster: Zwischen 2 und 100 Millionen Menschen
weltweit könnten sterben, wenn sich das Vogelgrippe-Virus ausbreitet.
Dass das Virus auf seinem Weg rund um den Erdball nicht mehr stoppen ist,
da ist sich Klaus Stöhr, Koordinator des Influenza-Programms bei der
WHO, sicher. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass eine Pandemie ausbrechen
wird." Die Frage sei lediglich: Wann? Auch Shigeru Omi, WHO-Direktor für
die Region West-Pazifik, meint: "Je länger das Virus in Tieren zirkuliert,
desto größer ist die Infektionsgefahr von Menschen und das Risiko
einer Pandemie." Das Robert Koch-Institut in Berlin (RKI) zeigt sich eher
verhalten. "Derzeit gibt es keine Hinweise, dass das Virus effizient von
Mensch zu Mensch übertragen wird." Und das sei die Voraussetzung für
eine großflächige Verbreitung unter Menschen.
Virenbrüter im Hinterhof
H5N1 heißt die Bedrohung. Ein Geflügelvirus, das vor allem
in Vietnam und Thailand wütet. Mehrere Millionen Hühner, Puten
und Enten überlebten das nicht, sie wurden geschlachtet. 55 Menschen
steckten sich im letzten Jahr mit dem Erreger an, für 42 endete der
Kontakt mit den Vögeln tödlich. Die Gefahr für Menschen
komme nicht aus den großen Geflügelbetrieben, so Stöhr
in einem Deutschlandfunk-Interview, sondern es seien "die Hinterhoffarmen,
die einzelnen Enten, die irgendwo hinter dem Haus gehalten werden."
Mit jedem Tag, an dem die Geflügelpest nicht eingedämmt wird,
steigt das Risiko, dass sich der todbringende Keim im Vogelkörper
mit dem menschlichen Grippevirus mischt. Genau jener Super-GAU bringt
die Chefs der Gesundheitsbehörden weltweit zum Schwitzen.
Alles nur Panikmache?
Eine gleichzeitige Infektion mit Vogel- und menschlichen
Influenza A Viren könnte zu einer Mischung und Veränderung des
viralen Erbmaterials führen (Antigenshift). Und dies könnte bedeuten,
dass das Virus leichter von Mensch zu Mensch springt - mit der Gefahr einer
Pandemie. Einige Fachleute fragen sich allerdings, warum sich das Vogelvirus
nicht schon längst verändert hat. Bei der großen Asien-Epidemie
hätte H5N1 genug Gelegenheit gehabt, seine menschlichen Verwandten
zu treffen und Gene auszutauschen.
Oder: Haben sich beide Virentypen getroffen, aber aus der Vereinigung entstand
kein lebensfähiger Keim? Spekulationen, welche die WHO jetzt aufklären
will. Stöhr: "Im Labor müssen wir nachvollziehen, was aus dieser
unglücklichen Hochzeit wird - sind die Viren tatsächlich übertragbar
auf den Menschen, sind sie krank machend?" Erste Tierversuche sind jetzt
an der amerikanischen Seuchenkontrollbehörde CDC angelaufen.
Gerüstet für den Tag X
Der Pandemievirus würde sich aufgrund des weltweiten Flugverkehrs
innerhalb kürzester Zeit in fast alle Winkel der Welt verteilen.
Die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Krankheit beträgt nur
zwei Tage, noch vorher kann sich das Virus sein nächstes Opfer suchen.
Im Jahr 1999 hat die WHO alle Mitgliedsstaaten aufgerufen, sich auf eine
bevorstehende Pandemie vorzubereiten. In Amerika, Australien und einigen
europäischen Ländern existieren Notfallpläne zu Vorrat
und Verteilung von Impfstoffen, Medikamenten sowie zur Behandlung von
Massenerkrankungen. Die USA bestellten vier Millionen Dosen an Impfstoff
für klinische Tests, Kanada schloss mit den Impfstoffherstellern
einen Zehn-Jahres-Vertrag über 325 Millionen Dollar - im Pandemiefall
müssen diese ausreichend Impfstoff zur Verfügung zu stellen.
In Deutschland kostet die Impfstoffentwicklung rund 100 Millionen Euro,
weitere 400 Millionen Euro sind fällig, um die Bevölkerung zu
schützen. Angesichts der gewaltigen Investitionen zögert die
Regierung noch, sich für den Ernstfall zu rüsten. Ohne gewisse
Abnahmegarantien wollen aber deutsche Impfstoffhersteller keine großen
Summen investieren. Auch, weil gar nicht sicher ist, dass H5N1 tatsächlich
der Verursacher der weltweiten Epidemie sein wird Stöhr meint: "Niemand
wird zu 100 Prozent voraussagen können, dass dieser Stamm auch die
Pandemie verursacht." Allerdings würde eine Impfung gegen H5N1 auch
einen gewissen Schutz gegen andere Influenzastämme bieten.
Auf dem Papier existiert ein "Nationaler Influenzapandemieplan", den das
RKI erarbeitet hat. Er enthält Analysen und Empfehlungen für
den Bedarf an Impfstoffen und seine Verteilung. So soll beispielsweise
das medizinische Personal zuerst geimpft werden. Die Verhandlungen zwischen
Bund und Ländern, ob und wie dieser Aktionsplan realisiert wird,
beginnen jedoch erst in diesen Wochen.
Spritzen und Schlucken
Impfstoffhersteller arbeiten derzeit mit "Protoypen" von H5N1. Das Virus
macht es den Entwicklern aber nicht leicht. Normalerweise werden Influenzaviren
in befruchteten Hühnereiern vermehrt. H5N1 ist jedoch so aggressiv,
dass es die Hühnerembryos tötet, bevor die Vermehrung angelaufen
ist. Forscher versuchen deshalb, die todbringenden Gene zu modifizieren.
Die Alternative wären neuartige Grippemedikamente (Neuraminidase-Hemmer).
Die Wirkstoffe Oseltamivir und Zanamivir werden ein bis zwei Tage nach
der Infektion geschluckt bzw. inhaliert und können die Krankheit
stark abmildern. Der deutsche Pandemieplan empfiehlt, rechtzeitig größere
Depots anzulegen - zumindest für Ärzte und Pflegekräfte
. Aber auch das ist nicht ganz billig: Es kostet etwa 64 Millionen Euro,
um wenigstens diese eine Million Menschen fünf Wochen lang zu schützen.
Sicher ist nichts
Womit ist im Pandemiefall rechnen? Die jährlichen Grippeepidemien
haben gezeigt, dass sich die Erreger dort besonders schnell verbreiten,
wo viele Menschen zusammenkommen: Fußballstadien, Verkehrsmittel,
Versammlungen; Schulen und Kindergärten würden wahrscheinlich
geschlossen. Lohnt sich der Vorsorgeaufwand überhaupt? Keiner weiß
das so genau. Unter den Experten gibt es ein geflügeltes Wort: "Das
einzige, was schwieriger ist, als für den Notfall zu planen, ist
hinterher zu erklären, warum man es nicht gemacht hat."
Erschienen bei www.Netdoktor.de
im März 2005
|