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Eine Pille gegen das Rauchen
Raucher, die mit dem Qualmen aufhören wollen, werden meist rückfällig.
Hilfe verspricht nun eine neue Pille: Ihr Wirkstoff blockiert im Hirn
die Nikotinrezeptoren und erzeugt das gleiche Wohlgefühl.
An den schädlichen Folgen des Rauchens
sterben jährlich Millionen Menschen
Vier Millionen Menschen, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation,
sterben jährlich durch Krankheiten, die mit Tabakkonsum zusammenhängen.
In Deutschland ist das "täglich ein vollbesetzter Jumbojet",
veranschaulicht Hans-Ulrich Klör, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft
für Nikotinforschung und Professor für innere Medizin in Gießen,
die Zahl. Dabei sind drei von vier Rauchern nikotinabhängig, ihr
Körper verlangt nach ständigem Nachschub des Suchtstoffs.
Die meisten dieser Dauerqualmer sind aber keineswegs glücklich mit
ihrer Lage. Mehr als die Hälfte von ihnen würden nur zu gern
aufhören, fast jeder zweite hat schon mindestens einen Versuch hinter
sich, dem blauen Dunst Adieu zu sagen. Leider wenig erfolgreich: Zwischen
80 und 90 Prozent aller Versuche enden erfolglos.
Genau in diese Lücke möchte nun das Pharmaunternehmen Pfizer
mit einem neuen Wirkstoff, der seit August auf dem amerikanischen Markt
ist und Ende September auch in Europa zugelassen wurde. Vareniclin ist
der Wirkstoff des neuen Medikaments, das in Deutschland unter dem Namen
Champix Raucher von ihrer Sucht befreien soll. Er dockt im Gehirn genau
dort an, wo sonst das Nikotin eine Ausschüttung von Dopamin bewirkt.
Dopamin sorgt bei den meisten Suchtdrogen für jenes wohlige Gefühl,
das das Aufhören so schwierig macht.
Ein Gefühl der Belohnung
Die Bindung an den neuronalen nikotinergen Acetylcholin-Rezeptor sorgt
einerseits für jene Belohnung, die bereits der erste Zug an der Zigarette
vermittelt, andererseits blockiert es den Rezeptor für Nikotin. Sollte
der Nichtraucher-Kandidat also doch noch einmal schwach werden, verliert
der Suchtstoff den größten Teil seiner Wirkung.
In den vergangenen Jahren durchlief das Medikament mehrere große
klinische Studien. Bei zwei identisch angelegten Untersuchungen mit jeweils
rund 1000 Teilnehmern ergab sich bei einer zwölfwöchigen Anwendung
eine Erfolgsquote von 44 Prozent der Teilnehmer, die mit dem Rauchen aufhörten.
In der Placebogruppe, die zwar die gleiche psychologische Betreuung erhielt,
jedoch nicht den Wirkstoff, schafften das weniger als halb so viele. Zusätzlich
stellte sich die Pille einem Vergleich mit dem einzigen nikotinfreien
Medikament zur Raucherentwöhnung auf dem Markt, Zyban. Die Erfolgsquote
dieses Mittels lag in der Untersuchung bei rund 30 Prozent. Nach einem
Jahr hatten zwar rund die Hälfte der Entwöhnten wieder mit dem
Rauchen begonnen, dennoch blieben etwa 20 Prozent der Teilnehmer dauerhaft
abstinent.
Für den deutschen Raucher dürfte dieser Weg zum Nichtraucher
allerdings nicht ganz billig sein, wenn Champix voraussichtlich 2007 auf
den Markt kommt. Über die Preise will sich Pfizer vorerst nicht äußern,
jedoch sind die Pillen für die dreimonatige Entziehungskur auf dem
US-Markt kaum unter 300 $ zu haben. Obwohl die Nikotinabhängigkeit
seit 1999 als Krankheit anerkannt ist, bezahlen Krankenkassen keine Entwöhnungsmedikamente.
Dennoch setzt Pfizer große Hoffnungen in Champix: Der Umsatz im
Jahr 2009 soll laut Analysten der Deutschen Bank 500 Mio. $ und nach Schätzungen
von Pfizer sogar 1 Mrd. $ betragen.
Auch Impfen möglich
Kein Wunder, dass Unternehmen weltweit mit Hochdruck an neuen Entwicklungen
arbeiten. Sehr vielversprechend erscheint dabei die Anti-Raucher-Impfung:
Nikotin, an ein geeignetes Trägermolekül gekoppelt, kann den
Körper zur Bildung von Antikörpern anregen. Der Komplex aus
Antikörper und Nikotin ist zu groß, um vom Blut ins Gehirn
zu wandern, das Nikotin bleibt wirkungslos. Fünf Unternehmen arbeiten
derzeit an einer solchen Impfung. Am weitesten sind dabei das Schweizer
Unternehmen Cytos und das US-Unternehmen Nabi, deren Impfstoffe sich in
großen klinischen Studien befinden.
Auch der Abbau des Nikotins im Körper lässt sich mit geeigneten
Hemmstoffen verlangsamen. Damit wirkt das kurzlebige Nikotin länger,
das Verlangen nach Nachschub lässt nach.
Gescheitert sind dagegen die Bemühungen von Pharmahersteller Sanofi-Aventis,
sein neues Schlankmacher-Präparat Acomplia auch für die Raucherentwöhnung
zuzulassen. Nach Expertenmeinung war die Betreuung der Kontrollgruppe
in den entscheidenden Studien zu gut, sodass der Unterschied der Abstinenzrate
der Placebo- zur Wirkstoff-Gruppe einfach nicht groß genug war.
Wunder gibt es nicht
Eines jedoch ist klar: Keines dieser Präparate wird ein Allheilmittel
sein. Ohne psychologische Motivationshilfe sind nur rund fünf Prozent
aller Versuche erfolgreich. Anil Batra vom Arbeitskreis Raucherentwöhnung
an der Universität Tübingen betont, dass auch "die medikamentöse
Therapie der Unterstützung der psychotherapeutischen Behandlung dient".
Dass der Hausarzt dabei die Rolle der Betreuung des Aussteigers übernehmen
soll, fordert Hans-Ulrich Klör von der Deutschen Gesellschaft für
Nikotinforschung. Zur derzeitigen Situation meint er: "Bei uns passiert
gar nichts." Noch viel zu selten würden Arzneimittelhilfen und
eine entsprechende Begleitung in Anspruch genommen.
Beim Rauchen geht es halt nicht nur ums Nikotin: Es ist eine Lebenshaltung,
dient der Kontaktaufnahme und Entspannung. Man pflegt seine Rituale. Diese
Erfahrung musste auch schon der amerikanische Schriftsteller Mark Twain
machen, der von sich sagte: "Es ist ganz leicht, sich das Rauchen
abzugewöhnen. Ich habe es schon hundertmal geschafft."
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