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Er erschien am 16. Oktober 2006 in der Financial Times Deutschland und steht Ihnen zur Zweitverwertung zur Verfügung. Bitte beachten Sie dazu meine AGB - oder setzen Sie sich am besten mit mir in Verbindung.


Eine Pille gegen das Rauchen


Raucher, die mit dem Qualmen aufhören wollen, werden meist rückfällig. Hilfe verspricht nun eine neue Pille: Ihr Wirkstoff blockiert im Hirn die Nikotinrezeptoren und erzeugt das gleiche Wohlgefühl.

An den schädlichen Folgen des Rauchens sterben jährlich Millionen Menschen
Vier Millionen Menschen, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, sterben jährlich durch Krankheiten, die mit Tabakkonsum zusammenhängen. In Deutschland ist das "täglich ein vollbesetzter Jumbojet", veranschaulicht Hans-Ulrich Klör, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Nikotinforschung und Professor für innere Medizin in Gießen, die Zahl. Dabei sind drei von vier Rauchern nikotinabhängig, ihr Körper verlangt nach ständigem Nachschub des Suchtstoffs.

Die meisten dieser Dauerqualmer sind aber keineswegs glücklich mit ihrer Lage. Mehr als die Hälfte von ihnen würden nur zu gern aufhören, fast jeder zweite hat schon mindestens einen Versuch hinter sich, dem blauen Dunst Adieu zu sagen. Leider wenig erfolgreich: Zwischen 80 und 90 Prozent aller Versuche enden erfolglos.

Genau in diese Lücke möchte nun das Pharmaunternehmen Pfizer mit einem neuen Wirkstoff, der seit August auf dem amerikanischen Markt ist und Ende September auch in Europa zugelassen wurde. Vareniclin ist der Wirkstoff des neuen Medikaments, das in Deutschland unter dem Namen Champix Raucher von ihrer Sucht befreien soll. Er dockt im Gehirn genau dort an, wo sonst das Nikotin eine Ausschüttung von Dopamin bewirkt. Dopamin sorgt bei den meisten Suchtdrogen für jenes wohlige Gefühl, das das Aufhören so schwierig macht.

Ein Gefühl der Belohnung

Die Bindung an den neuronalen nikotinergen Acetylcholin-Rezeptor sorgt einerseits für jene Belohnung, die bereits der erste Zug an der Zigarette vermittelt, andererseits blockiert es den Rezeptor für Nikotin. Sollte der Nichtraucher-Kandidat also doch noch einmal schwach werden, verliert der Suchtstoff den größten Teil seiner Wirkung.

In den vergangenen Jahren durchlief das Medikament mehrere große klinische Studien. Bei zwei identisch angelegten Untersuchungen mit jeweils rund 1000 Teilnehmern ergab sich bei einer zwölfwöchigen Anwendung eine Erfolgsquote von 44 Prozent der Teilnehmer, die mit dem Rauchen aufhörten. In der Placebogruppe, die zwar die gleiche psychologische Betreuung erhielt, jedoch nicht den Wirkstoff, schafften das weniger als halb so viele. Zusätzlich stellte sich die Pille einem Vergleich mit dem einzigen nikotinfreien Medikament zur Raucherentwöhnung auf dem Markt, Zyban. Die Erfolgsquote dieses Mittels lag in der Untersuchung bei rund 30 Prozent. Nach einem Jahr hatten zwar rund die Hälfte der Entwöhnten wieder mit dem Rauchen begonnen, dennoch blieben etwa 20 Prozent der Teilnehmer dauerhaft abstinent.

Für den deutschen Raucher dürfte dieser Weg zum Nichtraucher allerdings nicht ganz billig sein, wenn Champix voraussichtlich 2007 auf den Markt kommt. Über die Preise will sich Pfizer vorerst nicht äußern, jedoch sind die Pillen für die dreimonatige Entziehungskur auf dem US-Markt kaum unter 300 $ zu haben. Obwohl die Nikotinabhängigkeit seit 1999 als Krankheit anerkannt ist, bezahlen Krankenkassen keine Entwöhnungsmedikamente. Dennoch setzt Pfizer große Hoffnungen in Champix: Der Umsatz im Jahr 2009 soll laut Analysten der Deutschen Bank 500 Mio. $ und nach Schätzungen von Pfizer sogar 1 Mrd. $ betragen.

Auch Impfen möglich

Kein Wunder, dass Unternehmen weltweit mit Hochdruck an neuen Entwicklungen arbeiten. Sehr vielversprechend erscheint dabei die Anti-Raucher-Impfung: Nikotin, an ein geeignetes Trägermolekül gekoppelt, kann den Körper zur Bildung von Antikörpern anregen. Der Komplex aus Antikörper und Nikotin ist zu groß, um vom Blut ins Gehirn zu wandern, das Nikotin bleibt wirkungslos. Fünf Unternehmen arbeiten derzeit an einer solchen Impfung. Am weitesten sind dabei das Schweizer Unternehmen Cytos und das US-Unternehmen Nabi, deren Impfstoffe sich in großen klinischen Studien befinden.

Auch der Abbau des Nikotins im Körper lässt sich mit geeigneten Hemmstoffen verlangsamen. Damit wirkt das kurzlebige Nikotin länger, das Verlangen nach Nachschub lässt nach.
Gescheitert sind dagegen die Bemühungen von Pharmahersteller Sanofi-Aventis, sein neues Schlankmacher-Präparat Acomplia auch für die Raucherentwöhnung zuzulassen. Nach Expertenmeinung war die Betreuung der Kontrollgruppe in den entscheidenden Studien zu gut, sodass der Unterschied der Abstinenzrate der Placebo- zur Wirkstoff-Gruppe einfach nicht groß genug war.

Wunder gibt es nicht

Eines jedoch ist klar: Keines dieser Präparate wird ein Allheilmittel sein. Ohne psychologische Motivationshilfe sind nur rund fünf Prozent aller Versuche erfolgreich. Anil Batra vom Arbeitskreis Raucherentwöhnung an der Universität Tübingen betont, dass auch "die medikamentöse Therapie der Unterstützung der psychotherapeutischen Behandlung dient". Dass der Hausarzt dabei die Rolle der Betreuung des Aussteigers übernehmen soll, fordert Hans-Ulrich Klör von der Deutschen Gesellschaft für Nikotinforschung. Zur derzeitigen Situation meint er: "Bei uns passiert gar nichts." Noch viel zu selten würden Arzneimittelhilfen und eine entsprechende Begleitung in Anspruch genommen.
Beim Rauchen geht es halt nicht nur ums Nikotin: Es ist eine Lebenshaltung, dient der Kontaktaufnahme und Entspannung. Man pflegt seine Rituale. Diese Erfahrung musste auch schon der amerikanische Schriftsteller Mark Twain machen, der von sich sagte: "Es ist ganz leicht, sich das Rauchen abzugewöhnen. Ich habe es schon hundertmal geschafft."

 

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