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Langstreckenflieger brauchen die Wadenpumpe
Die Touristenklasse lässt einem das Blut stocken
- manchmal auch noch Tage danach
Frank Crawford (Name geändert) war 51 Jahre alt, als er sich auf
die Reise vom amerikanischen Houston nach Melbourne machte. Wenn er nicht
gerade schlief, nutzte er die Zeit auf dem 20-stündigen Flug, um
sich auf seine Termine in Australien vorzubereiten. Am nächsten Tag
mitten im Meeting bekam er plötzlich keine Luft mehr und sein Puls
schoss in die Höhe. Auf der Intensivstation im nahen Krankenhaus
sagten ihm die Ärzte etwas von einer "tiefen Venenthrombose
und einer darauf folgenden Lungenembolie". Nicht viel hätte
gefehlt, und er hätte den Trip mit seinem Leben bezahlt.
Frank Crawford hatte vorher keine gesundheitlichen Probleme. Trotzdem
wurde ihm zum Verhängnis, was viele Reisende auf Langstreckenflügen
gut kennen. Die Beine schwellen an, weil die engen Sitzreihen nicht allzu
viel Bewegung und Gymnastik erlauben. Diesem Umstand verdankt die Krankheit
auch ihren Beinamen, das "Economy-Class Syndrom". Auf die ungewohnt
lange Unbeweglichkeit reagiert der Körper zuweilen mit der Aktivierung
seiner Blutgerinnung. An den Beinvenen weit unter der Hautoberfläche
kann sich dann ein Pfropf bilden, es kommt zu einer Thrombose. Meist löst
sich das Gerinnsel nach dem Flug wieder auf. Im schlimmsten Fall aber
reisst es sich los und wandert mit dem Blutstrom zur Lunge. Verstopft
es dort eine der grossen Versorgungswege, so kann der Kreislauf den Körper
nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen. Nicht selten endet eine
solche Lungenembolie tödlich.
Bereits während des Zweiten
Weltkriegs fiel dem englischen Arzt Keith Simpson auf, dass sich die Zahl
der Toten durch Lungenembolie in London nach langen Luftangriffen der
Deutschen um ein vielfaches erhöhte. Meist traf es dabei diejenigen,
die stundenlang auf unbequemen Stühlen im Bunker das Ende des Angriffs
abwarten mussten. Sechzig Jahre danach ist es nicht der Luftschutzkeller,
sondern der Bauch des großen Jets, der das Risiko für den gefährlichen
Blutstau erhöht. Frederic Lapostolle kam 2001 bei einer Analyse von
Passagieren, die nach der Ankunft auf dem Pariser Flughafen eine Lungenembolie
erlitten, auf eine Zahl von fünf Fällen für eine Million
Langstreckenflieger über 10 000 Kilometer. Weil aber die Gefahr für
eine solche Verstopfung der Gefässe noch mehrere Tage nach dem Flug
anhält, ist es schwer, das Risiko genau zu beziffern. Die Studie
fand jedoch heraus, dass fast nur Reisende zwischen den Kontinenten davon
betroffen sind.
Bei der Entstehung kommen viele Faktoren
zusammen
Was genau zur Aktivierung der Blutgerinnung führt, ist trotz zahlreicher
Untersuchungen unter den Experten immer noch umstritten. Im März
dieses Jahres veröffentlichte Frits Rosendaal von der Universität
Leiden dazu ein interessantes Experiment in der englischen Fachzeitschrift
"The Lancet". Am 24. Mai 2004 charterten die Holländer
eine Boeing 757 und luden 15 Männer und 56 Frauen im Alter zwischen
18 und 40 zu einem achtstündigen Rundflug ein. Zwei Wochen später
versammelten sie sich wieder, dieses mal zu einem ganztägigen Kinobesuch.
Blutproben dieser zwei langen Sitzungen wurden mit jenen verglichen, die
ihnen die Ärzte während ihres normalen Alltags nahmen. Rosendaal
und seine Kollegen suchten mit diesem Versuch nach den möglichen
Auslösern für eine Flug-Thrombose. Einige Fälle solcher
Erkrankungen bei Bergsteigern hatten zeitweise den Verdacht aufkommen
lassen, dass auch der geringere Luftdruck und damit der Sauerstoffgehalt
eine Rolle spielen könnte. Tatsächlich fand Rosendaal nach dem
Flug eine höhere Aktivierung der Gerinnungsfaktoren als im Kino oder
dem Alltag der Probanden. Ganz besonders waren davon Teilnehmer betroffen,
die von Haus aus ein höheres Thromboserisiko aufwiesen: Träger
einer verbreiteten Genmutation in der Gerinnungskette, dem "Faktor
V Leiden", und Frauen, die die Anti-Baby-Pille nehmen, sollten demnach
bei Langstreckenflügen vorsichtig sein.
Zwei Monate später erschien in der amerikanischen Fachzeitschrift
"JAMA" ein Artikel englischer Forscher um William Toff. Sie
schickten ihre 73 Probanden für acht Stunden in eine Unterdruckkammer.
Der Sauerstoffgehalt entsprach dabei einer Höhe von etwa 2400 Metern,
also den Verhältnissen in einem Flugzeug auf der Langstrecke. Im
Vergleich mit einer Messung nach acht Stunden mit normalem Luftdruck fanden
die Wissenschaftler keinen Unterschied. Hans Stricker vom Ospedale La
Carità in Locarno glaubt demnach, dass mehrere Umstände bei
der Entstehung einer Thrombose ein Rolle spielen: "Das Ganze ist
wohl multifaktoriell bedingt, entscheidend ist aber sicher das lange Sitzen."
Was also tun gegen die schleichende Blutverklumpung?
Die SWISS empfiehlt ihren Passgieren Beingymnastik, die Lufthansa bietet
dazu sogar ein eigenes On-Board-Video an. Susanne Pechel vom Münchner
Institut für Tropenmedizin und Betreuerin des Internetportals "fit-for-travel.de"
rät zur "Wadenpumpe". "Aufstehen und ein paar Schritte
auf dem Gang betätigt die Wadenmuskulatur, die wiederum das Blut
zum Zirkulieren bringt." Heparinspritze zur Blutverdünnung und
Kompressionsstrümpfe sollten dagegen nur nach ärztlicher Beratung
zum Einsatz kommen.
Dass das Economy-Class-Syndrom nicht nur bei Langstreckenflügen auftritt,
bestätigt Hans Stricker: " Viele Autofahrer glauben, sie könnten
die lange Strecke von Deutschland ins Tessin ohne Pause problemlos durchfahren.
Einige davon sehen wir jedes Jahr bei uns im Spital mit einer typischen
Reisethrombose."
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