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Er erschien am 30. Juli 2006 in der Schweizer Sonntagzeitung und steht Ihnen zur Zweitverwertung zur Verfügung. Bitte beachten Sie dazu meine AGB - oder setzen Sie sich am besten mit mir in Verbindung.

Langstreckenflieger brauchen die Wadenpumpe
Die Touristenklasse lässt einem das Blut stocken - manchmal auch noch Tage danach


Frank Crawford (Name geändert) war 51 Jahre alt, als er sich auf die Reise vom amerikanischen Houston nach Melbourne machte. Wenn er nicht gerade schlief, nutzte er die Zeit auf dem 20-stündigen Flug, um sich auf seine Termine in Australien vorzubereiten. Am nächsten Tag mitten im Meeting bekam er plötzlich keine Luft mehr und sein Puls schoss in die Höhe. Auf der Intensivstation im nahen Krankenhaus sagten ihm die Ärzte etwas von einer "tiefen Venenthrombose und einer darauf folgenden Lungenembolie". Nicht viel hätte gefehlt, und er hätte den Trip mit seinem Leben bezahlt.
Frank Crawford hatte vorher keine gesundheitlichen Probleme. Trotzdem wurde ihm zum Verhängnis, was viele Reisende auf Langstreckenflügen gut kennen. Die Beine schwellen an, weil die engen Sitzreihen nicht allzu viel Bewegung und Gymnastik erlauben. Diesem Umstand verdankt die Krankheit auch ihren Beinamen, das "Economy-Class Syndrom". Auf die ungewohnt lange Unbeweglichkeit reagiert der Körper zuweilen mit der Aktivierung seiner Blutgerinnung. An den Beinvenen weit unter der Hautoberfläche kann sich dann ein Pfropf bilden, es kommt zu einer Thrombose. Meist löst sich das Gerinnsel nach dem Flug wieder auf. Im schlimmsten Fall aber reisst es sich los und wandert mit dem Blutstrom zur Lunge. Verstopft es dort eine der grossen Versorgungswege, so kann der Kreislauf den Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen. Nicht selten endet eine solche Lungenembolie tödlich.

Bereits während des Zweiten Weltkriegs fiel dem englischen Arzt Keith Simpson auf, dass sich die Zahl der Toten durch Lungenembolie in London nach langen Luftangriffen der Deutschen um ein vielfaches erhöhte. Meist traf es dabei diejenigen, die stundenlang auf unbequemen Stühlen im Bunker das Ende des Angriffs abwarten mussten. Sechzig Jahre danach ist es nicht der Luftschutzkeller, sondern der Bauch des großen Jets, der das Risiko für den gefährlichen Blutstau erhöht. Frederic Lapostolle kam 2001 bei einer Analyse von Passagieren, die nach der Ankunft auf dem Pariser Flughafen eine Lungenembolie erlitten, auf eine Zahl von fünf Fällen für eine Million Langstreckenflieger über 10 000 Kilometer. Weil aber die Gefahr für eine solche Verstopfung der Gefässe noch mehrere Tage nach dem Flug anhält, ist es schwer, das Risiko genau zu beziffern. Die Studie fand jedoch heraus, dass fast nur Reisende zwischen den Kontinenten davon betroffen sind.

Bei der Entstehung kommen viele Faktoren zusammen
Was genau zur Aktivierung der Blutgerinnung führt, ist trotz zahlreicher Untersuchungen unter den Experten immer noch umstritten. Im März dieses Jahres veröffentlichte Frits Rosendaal von der Universität Leiden dazu ein interessantes Experiment in der englischen Fachzeitschrift "The Lancet". Am 24. Mai 2004 charterten die Holländer eine Boeing 757 und luden 15 Männer und 56 Frauen im Alter zwischen 18 und 40 zu einem achtstündigen Rundflug ein. Zwei Wochen später versammelten sie sich wieder, dieses mal zu einem ganztägigen Kinobesuch. Blutproben dieser zwei langen Sitzungen wurden mit jenen verglichen, die ihnen die Ärzte während ihres normalen Alltags nahmen. Rosendaal und seine Kollegen suchten mit diesem Versuch nach den möglichen Auslösern für eine Flug-Thrombose. Einige Fälle solcher Erkrankungen bei Bergsteigern hatten zeitweise den Verdacht aufkommen lassen, dass auch der geringere Luftdruck und damit der Sauerstoffgehalt eine Rolle spielen könnte. Tatsächlich fand Rosendaal nach dem Flug eine höhere Aktivierung der Gerinnungsfaktoren als im Kino oder dem Alltag der Probanden. Ganz besonders waren davon Teilnehmer betroffen, die von Haus aus ein höheres Thromboserisiko aufwiesen: Träger einer verbreiteten Genmutation in der Gerinnungskette, dem "Faktor V Leiden", und Frauen, die die Anti-Baby-Pille nehmen, sollten demnach bei Langstreckenflügen vorsichtig sein.
Zwei Monate später erschien in der amerikanischen Fachzeitschrift "JAMA" ein Artikel englischer Forscher um William Toff. Sie schickten ihre 73 Probanden für acht Stunden in eine Unterdruckkammer. Der Sauerstoffgehalt entsprach dabei einer Höhe von etwa 2400 Metern, also den Verhältnissen in einem Flugzeug auf der Langstrecke. Im Vergleich mit einer Messung nach acht Stunden mit normalem Luftdruck fanden die Wissenschaftler keinen Unterschied. Hans Stricker vom Ospedale La Carità in Locarno glaubt demnach, dass mehrere Umstände bei der Entstehung einer Thrombose ein Rolle spielen: "Das Ganze ist wohl multifaktoriell bedingt, entscheidend ist aber sicher das lange Sitzen."

Was also tun gegen die schleichende Blutverklumpung? Die SWISS empfiehlt ihren Passgieren Beingymnastik, die Lufthansa bietet dazu sogar ein eigenes On-Board-Video an. Susanne Pechel vom Münchner Institut für Tropenmedizin und Betreuerin des Internetportals "fit-for-travel.de" rät zur "Wadenpumpe". "Aufstehen und ein paar Schritte auf dem Gang betätigt die Wadenmuskulatur, die wiederum das Blut zum Zirkulieren bringt." Heparinspritze zur Blutverdünnung und Kompressionsstrümpfe sollten dagegen nur nach ärztlicher Beratung zum Einsatz kommen.

Dass das Economy-Class-Syndrom nicht nur bei Langstreckenflügen auftritt, bestätigt Hans Stricker: " Viele Autofahrer glauben, sie könnten die lange Strecke von Deutschland ins Tessin ohne Pause problemlos durchfahren. Einige davon sehen wir jedes Jahr bei uns im Spital mit einer typischen Reisethrombose."

 

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