Was treibt Menschen zu Höchstleistungen an?


Die Energie, die einen Sportler zum Ausnahmeathleten macht, entsteht häufig im Kopf. Talent und Training schaffen meist nur die Grundlage, um entscheidende Kräfte abzurufen. Die Zuversicht, Herausforderungen zu meistern, trägt aber nicht nur Sportler zum Sieg, sondern kann in der Not das eigene Leben retten.

50 Jahre ist es her, dass ein deutscher Sportler eine erstaunliche Leistung vollbrachte: Hans Günter Winkler, der vierte Mann in der deutschen Mannschaft der Springreiter, verletzte sich vor dem letzten Ritt bei den Olympischen Spielen 1956 in Stockholm. Mit einem Bauchmuskelriss stieg er noch einmal in den Sattel und absolvierte als einziger Reiter der Konkurrenz den Parcours ohne Fehler. Das bedeutete die Goldmedaille für das deutsche Team. Manche Menschen schaffen es, entgegen aller Widerstände die Schmerzen in ihrem Körper zu verdrängen und scheinbar verborgene Reserven für ihre Höchstleistung abzurufen.

Vergebliche Suche nach den Fitness-Genen

Trainingspläne und Ausrüstung von Spitzensportlern gleichen sich immer mehr an. Talent genügt meist nicht, um besser zu sein. Nach wie vor suchen Wissenschaftler vergeblich nach „Fitness-Genen“, mit denen sich zum Beispiel die Überlegenheit der Afrikaner im Mittel- und Langstreckenlauf erklären ließe. In einer anderen Sportart wurden Gentechniker ausnahmsweise fündig: 1964 gewann der finnische Skilangläufer Eeor Mäntyranta zwei Goldmedaillen. In seinem Erbgut fand man ein verändertes Gen für Erythropoetin (EPO). Es fördert die Bildung roter Blutkörperchen und damit die Sauerstoffaufnahme. Als schließlich synthetisches EPO auf den Markt kam, fielen viele lange bestehende Rekorde, bevor das Mittel auf die Dopingliste wanderte.

Hilfe von der Sportpsychologie

Oft entscheidet die Psyche über Sieg und Niederlage. Daher ist für viele Sportler inzwischen das mentale Training genauso wichtig wie das körperliche. Das reicht vom „inneren Sprechen“, also Anweisungen an sich selbst geben, bis zum Durchleben des Wettkampfs im Kopf. Im Gehirn werden dabei die gleichen Bereiche aktiviert wie bei der realen Bewegung. So nahm bei Skirennläufern die Leitfähigkeit der Haut und die Muskelspannung zu, als sie sich bei ihrer mentalen Vorbereitung im Geist der Schlüsselstelle der Abfahrt näherten.

„Nachweislich falsch” sei die Vorstellung, dass mehr Anstrengung zu mehr Leistung führt, sagt Bernd Gasch, Professor für Psychologie an der Universität Dortmund. „Bestleistungen werden mit einem Motivationsgrad erreicht, der in der Mitte bis zu etwa zwei Drittel des Maximums liegt.“Entscheidend ist die Überzeugung, die Aufgabe zu meistern.Zahlreiche Untersuchungen erfolgreicher Sportler bestätigen dabei das Prinzip der „Selbstwirksamkeit“ des kanadischen Psychologen Albert Bandura: „Der Glaube versetzt Berge“.

Der Überlebenswille verdrängt Schmerzen

Zuversicht und Vertrauen sind die Schlüssel zu unsichtbaren Türen, die nicht nur im Sport zu einem Reservoir ungeahnter Kräfte führen. In seinem Buch „Sturz ins Leere“ beschreibt der britische Bergsteiger Joe Simpson die Antriebsfeder, die ihm 1985 mit zerschmettertem Fuß aus einer Gletscherspalte in den Anden heraushalf: „Ich würde diesen Sonnenstrahl erreichen. Ich wusste es mit absoluter Gewissheit.“ Nach drei Tagen erreichte er, von seinen Kameraden längst für tot erklärt, schließlich das Tal. Der Bericht zweier australischer Minenarbeiter klingt ganz ähnlich. Todd Russell und Brant Webb wurden im April dieses Jahres in Tasmanien verschüttet und nach zwei Wochen lebend geborgen. Russel: „Ich sah das Bild meiner Frau und meiner drei Kinder“, so Russell, „und sagte mir: ,Ich werde nicht hier sterben‘“.

Kenneth Kamler ist amerikanischer Expeditionsarzt und medizinischer Berater der Nasa. In seinem Buch „Überleben in der Todeszone“ beschreibt er Menschen, deren Überleben medizinisch oft nicht mehr zu erklären ist. Seiner Ansicht nach sendet das Gehirn in solch extremen Situationen einen starken Impuls an den Körper. Das Signal schaltet Schmerzen und andere Gefühle aus, die vom Erreichen des Ziels ablenken. Es ermöglicht ihm damit, Energien freizusetzen, die nur für Notfälle gedacht sind. Dass dieses Depot begrenzt ist, beweisen Berichte, wonach viele Menschen nach ihrer Rettung zusammenbrechen und zuweilen auch sterben. Bernd Gasch findet dafür ein anschauliches Bild: „Ich stelle mir das wie ein elastisches Band vor, das über seine Grenze überzogen wurde. Damit hat es seine Elastizität verloren und ist nicht mehr funktionstüchtig.“

BUCHTIPP: „Überleben in der Todeszone“ von Kenneth Kamler, Bergisch Gladbach, 2005, ISBN: 3-7857-2202-8; 397 Seiten, 19,90 Euro

„Sturz ins Leere“ von Joe Simpson, München, 2005 (Erstausgabe 1989), ISBN: 3-492-21247-6, 256 Seiten, 10,– Euro Der erfolgreiche gleichnamige Kinofilm erschien 2004

Der Artikel steht online unter:

http://www.tuevnordakademie.de/downloads/explore200603.pdf (Seite 9)

Im Heft außerdem von mir:

Wie der Körper Energie gewinnt
Die großen Energieverbraucher in unserem Körper
Zucker und Fett - angepasste Energie für den Körper

 

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