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Er erschien am 22. August 2006 im Newsletter von Doccheck.de und steht Ihnen zur Zweitverwertung zur Verfügung. Bitte beachten Sie dazu meine AGB - oder setzen Sie sich am besten mit mir in Verbindung.

Sabotage bei der Krebsabwehr

 

Ganz anders als bei ihrer Entwicklung programmiert, benehmen sich manche Rekruten der menschlichen Immunabwehr, wenn ihnen Tumorzellen direkt gegenüberstehen. Anstatt dem wuchernden Gewebe den Garaus zu machen, steigern sie dessen Aggressivität und helfen ihm, sich weiter auszubreiten.

Normalerweise ist der Auftrag für Makrophagen im Immunsystem klar definiert: Aufspüren und Vernichten von Bakterien, Viren, Protozoen, aber auch Krebszellen. Dass letztere es schaffen, die natürliche Bestimmung umzuprogrammieren, konnte das Team um Claudia Binder von der Hämatologie und Onkologie an der Universität Göttingen zeigen. Bereits in früheren Versuchen hatten die Forscher entdeckt, dass die Invasivität von Brustkrebszellen anstieg, wenn sie in der Kulturschale zusammen mit Makrophagen gezüchtet wurden. Die Tumorzellen nützen dabei anscheinend die proteolytischen Fähigkeiten der Wächter. Die Makrophagen setzen beim Kontakt mit den transformierten Zellen Matrix-Metalloproteasen (MMP) frei, die das Bindegewebe in der Umgebung schwächen.

Schlüsselrolle für Wnt

Mit den aktuellen Experimenten, die die Göttinger Hämatologen im amerikanischen Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) veröffentlichten, zeigen sie den Weg auf, über den die Krebszellen in die Steuerung ihrer Gegner eingreifen. Wiederum ließen sie dabei humane Brustkrebs-Zelllinien zusammen mit Makrophagen im Kulturgefäß aufeinandertreffen. Durch geeignete Inhibitoren zeigte das Team, dass bei den Immunzellen Moleküle aktiviert werden, die besonders bei der Signalübertragung in den Zellkern eine Schlüsselrolle spielen.

Diese so genannte Wnt-Familie spielt bei Vorgängen der Zelle eine Rolle, die mit der Entwicklung, dem überleben, der Gewebebildung, aber auch der Beweglichkeit zu tun haben. Das Wnt-Glycoprotein dockt dazu an einen Rezeptor in der Zellmembran an. über eine Kettenreaktion führt diese Bindung dann dazu, dass im Zellkern vermehrt Gene abgelesen werden, die mit der Zellaktivierung zu tun haben. Diese Kaskade der Signalweiterleitung lässt sich bei allen Mehrzellern nachweisen und spielt demnach eine Schlüsselrolle bei der Reaktion auf Botschaften aus der Umgebung der Zelle. Wnt-Defekte treten bei verschiedenen Krebsarten, aber auch bei Störungen des Knochenaufbaus oder retinalen Gefäßleiden auf.

Ein Familienmitglied übernimmt bei dieser Sabotage der Immunabwehr eine besonders wichtige Rolle. Wnt 5a galt bisher als ein Molekül mit überwiegenden Tumor-Suppressor-Eigenschaften. In ihrem Modell fanden die Göttinger Onkologen jedoch heraus, dass der Faktor nicht nur dazu beiträgt, die Aggressiivität des Tumors zu steigern, sondern dabei sogar die Rolle der Makrophagen komplett übernehmen und sie im Reagenzglas ersetzen kann.

Diese in-vitro Befunde spiegeln ziemlich sicher auch die Wirklichkeit an der Tumorfront wider. Verwendeten die Forscher anstatt der Zelllinien Gewebeproben von Tumoren und entsprechenden Lymphknotenmetastasen, ließ sich Wnt 5a in Makrophagen histologisch nachweisen. Besonders klar war dabei die Färbung an der invasiven Front des Tumors.

Abtrünnige Makrophagen zurückgewinnen

Ganz ähnlich Vorgänge spielen sich auch in anderen Krebsarten ab, denn Wnt 5a taucht auch bei aggressiven Melanomen auf. Wie wichtig die neuen Ergebnisse für das Verständnis der Metastasierung von Krebsgewebe ist, legt Lorenz Trümper dar, Direktor der Abteilung Hämatologie und Onkologie am Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen: "Es war seit längerem bekannt, dass Makrophagen in Tumore einwandern. Unklar war aber, was sie dort tun." Aufbauend auf den Ergebnissen hofft die Göttinger Arbeitsgruppe, mit neu beantragten Forschungsmitteln die Rolle von Wnt 5a und seinen Verwandten bei der Tumorentwicklung genauer zu studieren und dabei weitere wichtige Faktoren zu entdecken. "Gelingt uns das", so Trümper, "können wir hoffentlich therapeutische Ansätze entwickeln, mit denen die abtrünnigen Makrophagen wieder zurück in den Dienst des Körpers gestellt werden können."

 

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