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Er erschien am 15.Oktober 2006 in der Schweizer Sonntagzeitung und steht Ihnen zur Zweitverwertung zur Verfügung. Bitte beachten Sie dazu meine AGB - oder setzen Sie sich am besten mit mir in Verbindung.


Der Onkel Doktor mit der langen Leitung
Mit Telemedizin können Mediziner über Tausende von Kilometern Diagnosen stellen

Sechs bis acht Wochen dauerte es vor wenigen Jahren noch, bis die Ärzte in Honiara, der Hauptstadt der Salomon-Inseln, den Befund aus dem 2000 Kilometer entfernten Pathologielabor im australischen Brisbane in den Händen hielten. Heute werden die Diagnosen im 15 000 Kilometer entfernten Basel gestellt. Trotzdem erreicht die Bewertung der Gewebeschnitte die Pazifikinseln meist innerhalb von zwei bis drei Tagen - die Telemedizin machts möglich.

«Durch telemedizinisch eingeholte Zweitmeinungen und Expertenurteile, aber auch durch derart unterstütztes Fallmanagement lässt sich die Qualität medizinischer Behandlungen verbessern», so das Ergebnis einer Studie, die Anne Eckhardt-Scheck vom Ingenieurbüro Basler & Hofmann zusammen mit Kollegen für das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung TA-Swiss durchgeführt hat. Mit dem Einsatz von Telefon, Videokonferenz oder Datenaustausch per Internet liessen sich zudem Zeit und Geld für Wege und Warentransport einsparen.
«Telemedizin ist die Medizin über Distanz. Patienten und Behandelnde, also Ärzte, Pflegende, Physiotherapeutinnen befinden sich nicht in direktem Kontakt miteinander», erklärt Eckhardt-Scheck. Ein Beispiel dafür ist iPath, das für die Verbindung zwischen Basel und den Salomon-Inseln genutzt wird. Statt die Proben mit dem Flugzeug zu verschicken, reicht es nun, sie mit einer einfachen Digitalkamera durch das Mikroskop zu fotografieren.

Das Bild wird passwortgeschützt auf einem zentralen Computer im Internet gespeichert und ermöglicht Pathologen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsort, den Schnitt zu beurteilen. Mit der in Basel entwickelten Software arbeiten inzwischen mehr als 1500 Fachkräfte vieler verschiedener Fachrichtungen aus allen Kontinenten.

Den Menschen am anderen Ende der Leitung mit ihren Problemen entgegenzukommen, ist auch das Ziel von Medgate und Medvantis. Die beiden Unternehmen unterhalten Call-Center, in denen Gesundheitsberater und Ärzte Rat Suchenden rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Einfachen Erkrankungen kommen die Mitarbeiter allein schon durch die Schilderungen der Patienten auf die Spur.

600 bis 1000 Anrufe erreichen die Call-Center täglich


Zu den häufigsten Fällen zählen beispielsweise Harnweginfektionen. Diese äussern sich unter anderem durch Schmerzen beim Wasserlassen und Blut im Urin. Der Tele-Arzt faxt das Rezept an die Apotheke in der Nähe des Anrufers, der das Antibiotikum nur abzuholen braucht. Zum «Patientenmanagement» gehört auch der Rückruf vom Zentrum, ob die Beschwerden nach einiger Zeit abgeklungen sind.

Zwar reicht das Aktionsspektrum der Dienste von Gesundheitstipps über die Empfehlung, baldmöglichst seinen Hausarzt aufzusuchen bis zur sofortigen Alarmierung des Rettungsdienstes. Doch in der Mehrheit der Fälle könne der Arzt am Telefon eine Anleitung zu Selbstbehandlung geben, sagt Franca Gütte von Medgate.

Jeweils 600 bis 1000 Anrufe verzeichnen die Call-Center von Medvantis und Medgate pro Tag; rund vier Millionen Krankenversicherte können den Service kostenlos nutzen. Für ihre Versicherungen ist dieser Service inzwischen so attraktiv, dass sie ihren Kunden vergünstigte Tarife anbieten. Allerdings machen sie den Anruf vor dem Arztbesuch zur Pflicht.

Davon ist Hansueli Späth nicht begeistert. Der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin kritisiert dieses Modell in der «Berner Zeitung»: «Unangebracht ist die Pflicht zur vorgängigen Telekonsultation sicherlich bei eindeutigen Erkrankungen wie Fieber oder Angina, wo der Arztbesuch unumgänglich ist.»

Andererseits, so Martin Denz, ermögliche es die Telemedizin, Menschen zu erreichen, die sonst nie einen Arzt aufsuchen: «Ich denke da beispielsweise an Patienten mit sexualmedizinischen Problemen oder einer Angststörung, die den direkten Kontakt mit einem Arzt scheuen.» Das Internet oder das Telefon ermöglichten hier eine «Distanzregulierung» durch die Patienten selbst.

Besonders erfolgreich darin, trotz grosser Distanzen die bestmögliche Behandlung zu gewährleisten, ist das Telemedizinische Projekt zur integrierten Schlaganfallversorgung in Südostbayern, kurz «tempis». 14 Kliniken im ländlichen Raum sind dabei mit den beiden Schlaganfallabteilungen (Stroke Units) in München und Regensburg verbunden. Schnelle Leitungen übermitteln die Daten von Gehirnuntersuchungen direkt an die spezialisierten Neurologen.
Per Videokonferenz können sich die Ärzte in den Spezialabteilungen ein Bild vom weit entfernten Patienten machen und den Ärzten vor Ort eine Therapie vorschlagen. Beim Schlaganfall zählt jede Minute, je schneller eine Hirnblutung gestoppt oder ein Gerinnsel in einer Hirnarterie aufgelöst wird, desto höher sind die Chancen für den Patienten, ohne bleibende Schäden davonzukommen.

Technische Spielereien lösen keine Probleme


Dass die Telemedizin die Aussichten von Schlaganfallopfern tatsächlich verbessern kann, zeigt eine Studie mit mehr als 3000 Patienten, die unlängst in der Fachzeitschrift «The Lancet Neurology» veröffentlicht wurde. «Verglichen mit anderen Kliniken sanken in den Krankenhäusern des Netzwerks nach drei Monaten Sterberate, Pflegebedürftigkeit und schwere Behinderungen der Patienten um zirka 10 Prozent», fasst Johannes Schenkel vom Städtischen Klinikum Harlaching in München die Ergebnisse der Untersuchung zusammen. Das erfolgreiche Modell wurde in Bayern inzwischen zum Standard bei der Schlaganfallbehandlung.
Schon hat die grösste deutsche Krankenkasse AOK ermittelt, dass sich mit diesem Modell Kosten sparen lassen. Trotzdem werden die neuen technischen Möglichkeiten den Arzt auch künftig nicht ganz ersetzen können. Denz: «Es sind nicht die technischen Spielereien, welche die Probleme lösen werden. Dahinter müssen Menschen mit einem klaren Organisations- und Kommunikationskonzept stehen.»


Anbieter und Dienste

Viele Firmen nutzen die Möglichkeiten der Telemedizin, um die Versorgung ihrer Patienten zu verbessern:
Medgate bietet zusätzlich zum Telefonservice in Apotheken eine Videokonsultation an, bei der sich der Arzt per Kamera ein genaueres Bild des Patienten machen kann.
Medvantis kümmert sich um Menschen mit Herzschwäche. Zum Programm gehört eine persönliche Schulung und auch die Betreuung am Telefon.
Um die Betreuung von Asthmakranken geht es bei einem Projekt der Avalis Telemedicine. Ein speziell programmiertes Mobiltelefon überträgt die Daten eines Lungenfunktionstests, den der Patient zu Hause durchführt. Auf einer geschützten Internetseite können Arzt und Patient ihre Werte abrufen und bei Bedarf eingreifen.

 

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