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Der Onkel Doktor mit der langen Leitung
Mit Telemedizin können Mediziner über Tausende von Kilometern
Diagnosen stellen
Sechs bis acht Wochen dauerte es vor wenigen Jahren noch, bis die Ärzte
in Honiara, der Hauptstadt der Salomon-Inseln, den Befund aus dem 2000
Kilometer entfernten Pathologielabor im australischen Brisbane in den
Händen hielten. Heute werden die Diagnosen im 15 000 Kilometer entfernten
Basel gestellt. Trotzdem erreicht die Bewertung der Gewebeschnitte die
Pazifikinseln meist innerhalb von zwei bis drei Tagen - die Telemedizin
machts möglich.
«Durch telemedizinisch eingeholte Zweitmeinungen und Expertenurteile,
aber auch durch derart unterstütztes Fallmanagement lässt sich
die Qualität medizinischer Behandlungen verbessern», so das
Ergebnis einer Studie, die Anne Eckhardt-Scheck vom Ingenieurbüro
Basler & Hofmann zusammen mit Kollegen für das Zentrum für
Technologiefolgen-Abschätzung TA-Swiss durchgeführt hat. Mit
dem Einsatz von Telefon, Videokonferenz oder Datenaustausch per Internet
liessen sich zudem Zeit und Geld für Wege und Warentransport einsparen.
«Telemedizin ist die Medizin über Distanz. Patienten und Behandelnde,
also Ärzte, Pflegende, Physiotherapeutinnen befinden sich nicht in
direktem Kontakt miteinander», erklärt Eckhardt-Scheck. Ein
Beispiel dafür ist iPath, das für die Verbindung zwischen Basel
und den Salomon-Inseln genutzt wird. Statt die Proben mit dem Flugzeug
zu verschicken, reicht es nun, sie mit einer einfachen Digitalkamera durch
das Mikroskop zu fotografieren.
Das Bild wird passwortgeschützt auf einem zentralen Computer im Internet
gespeichert und ermöglicht Pathologen, unabhängig von ihrem
Aufenthaltsort, den Schnitt zu beurteilen. Mit der in Basel entwickelten
Software arbeiten inzwischen mehr als 1500 Fachkräfte vieler verschiedener
Fachrichtungen aus allen Kontinenten.
Den Menschen am anderen Ende der Leitung mit ihren Problemen entgegenzukommen,
ist auch das Ziel von Medgate und Medvantis. Die beiden Unternehmen unterhalten
Call-Center, in denen Gesundheitsberater und Ärzte Rat Suchenden
rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Einfachen Erkrankungen kommen
die Mitarbeiter allein schon durch die Schilderungen der Patienten auf
die Spur.
600 bis 1000 Anrufe erreichen die Call-Center täglich
Zu den häufigsten Fällen zählen beispielsweise Harnweginfektionen.
Diese äussern sich unter anderem durch Schmerzen beim Wasserlassen
und Blut im Urin. Der Tele-Arzt faxt das Rezept an die Apotheke in der
Nähe des Anrufers, der das Antibiotikum nur abzuholen braucht. Zum
«Patientenmanagement» gehört auch der Rückruf vom
Zentrum, ob die Beschwerden nach einiger Zeit abgeklungen sind.
Zwar reicht das Aktionsspektrum der Dienste von Gesundheitstipps über
die Empfehlung, baldmöglichst seinen Hausarzt aufzusuchen bis zur
sofortigen Alarmierung des Rettungsdienstes. Doch in der Mehrheit der
Fälle könne der Arzt am Telefon eine Anleitung zu Selbstbehandlung
geben, sagt Franca Gütte von Medgate.
Jeweils 600 bis 1000 Anrufe verzeichnen die Call-Center von Medvantis
und Medgate pro Tag; rund vier Millionen Krankenversicherte können
den Service kostenlos nutzen. Für ihre Versicherungen ist dieser
Service inzwischen so attraktiv, dass sie ihren Kunden vergünstigte
Tarife anbieten. Allerdings machen sie den Anruf vor dem Arztbesuch zur
Pflicht.
Davon ist Hansueli Späth nicht begeistert. Der Präsident der
Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin kritisiert dieses
Modell in der «Berner Zeitung»: «Unangebracht ist die
Pflicht zur vorgängigen Telekonsultation sicherlich bei eindeutigen
Erkrankungen wie Fieber oder Angina, wo der Arztbesuch unumgänglich
ist.»
Andererseits, so Martin Denz, ermögliche es die Telemedizin, Menschen
zu erreichen, die sonst nie einen Arzt aufsuchen: «Ich denke da
beispielsweise an Patienten mit sexualmedizinischen Problemen oder einer
Angststörung, die den direkten Kontakt mit einem Arzt scheuen.»
Das Internet oder das Telefon ermöglichten hier eine «Distanzregulierung»
durch die Patienten selbst.
Besonders erfolgreich darin, trotz grosser Distanzen die bestmögliche
Behandlung zu gewährleisten, ist das Telemedizinische Projekt zur
integrierten Schlaganfallversorgung in Südostbayern, kurz «tempis».
14 Kliniken im ländlichen Raum sind dabei mit den beiden Schlaganfallabteilungen
(Stroke Units) in München und Regensburg verbunden. Schnelle Leitungen
übermitteln die Daten von Gehirnuntersuchungen direkt an die spezialisierten
Neurologen.
Per Videokonferenz können sich die Ärzte in den Spezialabteilungen
ein Bild vom weit entfernten Patienten machen und den Ärzten vor
Ort eine Therapie vorschlagen. Beim Schlaganfall zählt jede Minute,
je schneller eine Hirnblutung gestoppt oder ein Gerinnsel in einer Hirnarterie
aufgelöst wird, desto höher sind die Chancen für den Patienten,
ohne bleibende Schäden davonzukommen.
Technische Spielereien lösen keine Probleme
Dass die Telemedizin die Aussichten von Schlaganfallopfern tatsächlich
verbessern kann, zeigt eine Studie mit mehr als 3000 Patienten, die unlängst
in der Fachzeitschrift «The Lancet Neurology» veröffentlicht
wurde. «Verglichen mit anderen Kliniken sanken in den Krankenhäusern
des Netzwerks nach drei Monaten Sterberate, Pflegebedürftigkeit und
schwere Behinderungen der Patienten um zirka 10 Prozent», fasst
Johannes Schenkel vom Städtischen Klinikum Harlaching in München
die Ergebnisse der Untersuchung zusammen. Das erfolgreiche Modell wurde
in Bayern inzwischen zum Standard bei der Schlaganfallbehandlung.
Schon hat die grösste deutsche Krankenkasse AOK ermittelt, dass sich
mit diesem Modell Kosten sparen lassen. Trotzdem werden die neuen technischen
Möglichkeiten den Arzt auch künftig nicht ganz ersetzen können.
Denz: «Es sind nicht die technischen Spielereien, welche die Probleme
lösen werden. Dahinter müssen Menschen mit einem klaren Organisations-
und Kommunikationskonzept stehen.»
Anbieter und Dienste
Viele Firmen nutzen die Möglichkeiten der Telemedizin, um die Versorgung
ihrer Patienten zu verbessern:
Medgate bietet zusätzlich zum Telefonservice in Apotheken eine Videokonsultation
an, bei der sich der Arzt per Kamera ein genaueres Bild des Patienten
machen kann.
Medvantis kümmert sich um Menschen mit Herzschwäche. Zum Programm
gehört eine persönliche Schulung und auch die Betreuung am Telefon.
Um die Betreuung von Asthmakranken geht es bei einem Projekt der Avalis
Telemedicine. Ein speziell programmiertes Mobiltelefon überträgt
die Daten eines Lungenfunktionstests, den der Patient zu Hause durchführt.
Auf einer geschützten Internetseite können Arzt und Patient
ihre Werte abrufen und bei Bedarf eingreifen.
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