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Mit der Magnetspule zum Genie
Mit der schmetterlingsförmigen Spule des "TMS" können
starke Magnetfelder erzeugt werden. Damit lassen sich gezielt bestimmte
Hirnregionen beeinflussen
Magnetfeldern kann neurologische Störungen lindern. Sogar motorische
und geistige Fähigkeiten lassen sich kurzzeitig verbessern. Das US-Militär
hat bereits Interesse angemeldet.
Die Berichte von Allan Snyder aus dem australischen
"Centre for the Mind" in Canberra und Alvaro Pascual-Leone von
der Harvard Medical School Boston klingen fast zu schön, um wahr
zu sein. Da ist vom Erwecken kreativer Fähigkeiten und von einer
signifikanten Steigerung der Gedächtnisleistung die Rede, nachgewiesen
in geblindeten Versuchen ganz ohne Medikamente oder Chirurgie.
Die Wissenschaftler legen den Versuchspersonen eine Magnetspule direkt
an der Kopfhaut an und können damit ganz gezielt bestimmte Gehirnregionen
hemmen oder stimulieren. Ob sich mit dieser Technik der transkraniellen
Magnetstimulation (TMS) tatsächlich verborgene Inselbegabungen und
außergewöhnliche Leistungen des Gehirns hervorrufen lassen,
ist indes umstritten.
Eigentlich ein "alter Hut"
Tatsache ist allerdings, dass Ärzte diese Technik bei neurologischen
Störungen in vielfältiger Weise mit Erfolg anwenden. Und das,
obwohl sie eigentlich schon ein "alter Hut" ist. Schon vor mehr
als einhundert Jahren versuchte der französische Arzt Arsène
d' Arsonval, mit elektromagnetischen Spulen am Kopf, einen Stromfluss
im Gehirn zu induzieren.
Heute helfen Computerprogramme des Fraunhofer-Instituts für angewandte
Informationstechnik, die Magnetspulen anhand von Kernspinaufnahmen genau
über bestimmten Gehirnbereichen zu positionieren. Damit lassen sich
ganz gezielt Gehirnbereiche mit gepulsten Magnetfeldern stimulieren oder
hemmen. Die Pulse dieser Induktion dauern zwischen 200 und 600 Millisekunden
und erreichen eine Feldstärke von maximal 2,5 Tesla. Das ist das
Hundertfache der Feldstärke eines Magneten, wie man ihn im Büro
zum Festpinnen von Notizen verwendet.
Hilfe bei Depression, Schlaganfall und Tinnitus
Besonders bei der Behandlung von Depressionen kann die TMS etliche Erfolge
vorweisen. So berichtete Michael Wagner von der Universität Bonn
im British Journal of Psychiatry von guten Erfahrungen mit TMS oder der
Elektrokrampf-Therapie (EKT) an 30 schwer depressiven Patienten, die mit
Psychotherapie oder Medikamenten kaum mehr zu behandeln waren. Im Gegensatz
zur EKT, bei der Stromimpulse direkt durch den Kopf geleitet werden, bleiben
bei der Magnetstimulation keine Erinnerungslücken zurück.
Ähnliche Untersuchungen von Frank Padberg von der Universität
München und anderen bestätigen den erfolgreichen Einsatz der
TMS bei Depressionen.
Jedoch auch bei anderen neurologischen Störungen hilft die gezielte
Stimulation ausgewählter Gehirnregionen. So veröffentlichten
Christian Plewnia von der Universität Tübingen und Peter Eichhammer
aus Regensburg Berichte von Tinnitus-geplagten Patienten, deren Ohrgeräusche
nach der Stimulation zumindest gelindert wurden oder auch ganz verschwanden.
Tastempfindlichkeit erhöhte sich durch TMS
Auch bei der Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten hilft die Spule.
Zwei
kürzlich veröffentlichte Artikel in Lancet Neurology (Friedhelm
Hummel, Universität Hamburg) und Stroke aus der Gruppe von Pascual-Leone
beschreiben, dass durch den Einsatz der TMS in der intakten Hirnhemisphäre
motorische Fähigkeiten schneller wieder zurückkommen als mit
einer "Schein-Stimulation".
Möglicherweise ist die Wirkung der induzierten "Neuronenfeuers"
ganz ähnlich wie jene, die lang andauerndes Training zu Stande bringt.
Eine Zusammenarbeit von Hubert Dinse und Martin Tegenthoff von der Ruhr-Universität
Bochum zeigt das deutlich. Laut Bericht in PLOS Biology lässt sich
mit entsprechenden Pulsen die Tastempfindlichkeit im Zeigefinger innerhalb
Minuten auf ein Maß steigern, wie es sonst nur durch entsprechende
lange Übung möglich ist.
TMS für den scharfen
Blick
Mit der TMS lassen sich schließlich auch Augenmuskelbewegungen simulieren.
Das probierten Chistian Ruff und seine Kollegen vom University College
in London aus. Wie sie im August-Heft von Current Biology schreiben, führen
die Impulse über dem frontalen Cortex, zuständig für Augenbewegungen,
zu einer Aktivierung im visuellen Cortex. Die Kontrastschärfe eines
Blicks aus dem Augenwinkel nahm dabei zu, ohne dass sich das Auge bewegt
hätte.
Trotz vieler Anwendungen ist die transkranielle Magnetstimulation immer
noch eine experimentelle Technik, für die es nur wenige zuverlässige
große Studien gibt. Bisher scheint es, als ob sich durch gezielte
Magnetimpulse die geistige Fähigkeiten zumindest kurzzeitig verbessern
lassen. Das amerikanische Verteidigungsministerium unterstützt Untersuchungen,
ob Spulen im Helm die Müdigkeit von Soldaten unterdrücken können.
An welchen Stellen das Gehirn stimuliert darf, darüber werden daher
in Zukunft vielleicht nicht nur Neurologen zu entscheiden haben, sondern
auch Ethikkommissionen und Politiker.
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