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Er erschien am 29. März 2006 in der Financial Times Deutschland und steht Ihnen zur Zweitverwertung zur Verfügung. Bitte beachten Sie dazu meine AGB - oder setzen Sie sich am besten mit mir in Verbindung.


Krebsforscher immunisieren gegen den Tumor


Wenn die Zulassungsbehörden in Europa und Amerika mitmachen, gibt es für Krebsmediziner bald eine völlig neue Waffe im Kampf gegen die Krankheit: die Impfung. Sie soll das Immunsystem gegen Papilloma-Viren wappnen. Die Viren verursachen Gebärmutterhalskrebs, der für 3,2 Prozent aller Krebsfälle verantwortlich ist.


In den letzten vier Monaten haben zwei große Pharmaunternehmen ihre Unterlagen bei den Arzneimittelbehörden eingereicht, der Impfstoff soll möglichst noch in diesem, spätestens aber Anfang des nächsten Jahres auf den Markt kommen. Deutschland und England werden vermutlich die ersten europäischen Länder sein, in denen Frauen mit einer Spritze gegen Krebs vorbeugen können. Bei flächendeckender Impfung, so hoffen die Forscher, ließen sich allein in Deutschland jedes Jahr 70 bis 80 Prozent der rund 6500 Neuerkrankungen und 2000 Todesfälle verhindern.

Auf die beiden Kontrahenten, den amerikanischen Pharmahersteller Merck und GlaxoSmithKline aus Großbritannien, wartet ein geschätzter Jahresumsatz von bis zu 2,5 Mrd. Euro, dem stehen geschätzte Entwicklungsausgaben von rund 800 Mio. Euro gegenüber. Einen vorbeugenden Impfstoff zu entwickeln ist wesentlich teurer als ein Medikament gegen schwere Krankheiten. Wo Gesunde behandelt werden, sind auch geringe Nebenwirkungen inakzeptabel. Daher sind die entsprechenden Studien sehr groß: Merck testet rund 25.000 Frauen in 33 Ländern, Glaxo über 30.000.

Mehr als die Hälfte stecken sich an

Mehr als die Hälfte aller Frauen stecken sich bei sexuellen Kontakten im Laufe ihres Lebens mit einem der über 100 Papilloma-Virentypen an. Wenn es das Virus schafft, die Angriffe des Immunsystems zu überleben, kann es sich in der Schleimhaut festsetzen und seine Wirtszelle nach 10 bis 40 Jahren zu einer Tumorzelle machen.

Das soll die Impfung verhindern. Allerdings wagen sich die Hersteller damit auf ein neues Terrain, in dem es keine althergebrachten Zuständigkeiten gibt. "Gut impfen können Kinder- und Jugendärzte, aber die verstehen wenig vom Gebärmutterhalskrebs, und Gynäkologen haben bisher nie geimpft", sagt Lutz Gissmann vom deutschen Krebsforschungszentrum.

Die Pharmaunternehmen wollen daher ganz gezielt Frauenärzte ansprechen. Dabei ist auch Psychologie gefragt. Die Ärzte sollen ihre Patientinnen nach den Vorstellungen der Forscher schließlich dazu bringen, ihre jungen Töchter gegen eine Krankheit impfen zu lassen, die sie sich beim Geschlechtsverkehr holen könnten. "Auch der erste Kontakt kann schon zu einer Infektion führen", so Erika Harzer, medizinische Direktorin von Sanofi Pasteur MSD, das für Merck in Deutschland den Impfstoff vermarktet.

Eine weitere Unsicherheit wird noch einige Zeit das Geschäft mit der Krebsimpfung überschatten: Niemand kann derzeit sagen, wie lange der Impfschutz anhält. "Nach den bisherigen Studien überblicken wir eine vierjährige Beobachtungszeit", so Torsten Strohmeyer, Leiter der Abteilung Forschung und Medizin bei Glaxo. Ob es mit der Impfung wirklich gelingt, einen der häufigsten Tumoren weltweit entscheidend einzudämmen, wird sich wohl erst nach ein bis zwei Jahrzehnten herausstellen. Krebsforscher Gissmann plädiert trotzdem dafür, die Impfung zum Standard zu machen. Denn mit jedem Verdachtsfall, der nicht weiter verfolgt werden muss, sinken die Kosten für das Gesundheitswesen.

Impfstoffe unterscheiden sich geringfügig

Die beiden Impfstoffe unterscheiden sich dabei nur geringfügig: Leere Virushüllen, so genannte "Virus-like Particles", regen das Immunsystem zur Produktion von Antikörpern an. Sowohl Gardasil (Merck) als auch Cervarix (Glaxo) richten sich allerdings lediglich gegen die Typen 16 und 18, die rund 70 Prozent der Tumoren auslösen.

Wollte man auch gegen die seltenen Krebs auslösenden Virenstämme impfen, müssten die Studien noch weit größer sein und kämen damit noch erheblich teurer. "Ich glaube nicht, dass die Unternehmen diesen Weg gehen werden", sagt Krebsforscher Gissmann. Mit Mitteln der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung arbeiten Wissenschaftler am deutschen Krebsforschungszentrum allerdings an einer anderen Erweiterung: an einer zweiten Impfstoffgeneration mit kleineren Viruspartikeln. Sie sind günstiger in der Herstellung und vertragen, anders als die derzeitigen Präparate, auch einmal eine längere Zeit ohne Kühlung. Damit kann der Schutz jene Regionen erreichen, in denen der Krebs besonders häufig vorkommt: Schätzungsweise 80 Prozent aller neuen Fälle treten in Entwicklungsländern auf.

 

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