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Krebsforscher immunisieren gegen den Tumor
Wenn die Zulassungsbehörden in Europa und Amerika mitmachen, gibt
es für Krebsmediziner bald eine völlig neue Waffe im Kampf gegen
die Krankheit: die Impfung. Sie soll das Immunsystem gegen Papilloma-Viren
wappnen. Die Viren verursachen Gebärmutterhalskrebs, der für
3,2 Prozent aller Krebsfälle verantwortlich ist.
In den letzten vier Monaten haben zwei große Pharmaunternehmen ihre
Unterlagen bei den Arzneimittelbehörden eingereicht, der Impfstoff
soll möglichst noch in diesem, spätestens aber Anfang des nächsten
Jahres auf den Markt kommen. Deutschland und England werden vermutlich
die ersten europäischen Länder sein, in denen Frauen mit einer
Spritze gegen Krebs vorbeugen können. Bei flächendeckender Impfung,
so hoffen die Forscher, ließen sich allein in Deutschland jedes
Jahr 70 bis 80 Prozent der rund 6500 Neuerkrankungen und 2000 Todesfälle
verhindern.
Auf die beiden Kontrahenten, den amerikanischen Pharmahersteller Merck
und GlaxoSmithKline aus Großbritannien, wartet ein geschätzter
Jahresumsatz von bis zu 2,5 Mrd. Euro, dem stehen geschätzte Entwicklungsausgaben
von rund 800 Mio. Euro gegenüber. Einen vorbeugenden Impfstoff zu
entwickeln ist wesentlich teurer als ein Medikament gegen schwere Krankheiten.
Wo Gesunde behandelt werden, sind auch geringe Nebenwirkungen inakzeptabel.
Daher sind die entsprechenden Studien sehr groß: Merck testet rund
25.000 Frauen in 33 Ländern, Glaxo über 30.000.
Mehr als die Hälfte stecken sich an
Mehr als die Hälfte aller Frauen stecken sich bei sexuellen Kontakten
im Laufe ihres Lebens mit einem der über 100 Papilloma-Virentypen
an. Wenn es das Virus schafft, die Angriffe des Immunsystems zu überleben,
kann es sich in der Schleimhaut festsetzen und seine Wirtszelle nach 10
bis 40 Jahren zu einer Tumorzelle machen.
Das soll die Impfung verhindern. Allerdings wagen sich die Hersteller
damit auf ein neues Terrain, in dem es keine althergebrachten Zuständigkeiten
gibt. "Gut impfen können Kinder- und Jugendärzte, aber
die verstehen wenig vom Gebärmutterhalskrebs, und Gynäkologen
haben bisher nie geimpft", sagt Lutz Gissmann vom deutschen Krebsforschungszentrum.
Die Pharmaunternehmen wollen daher ganz gezielt Frauenärzte ansprechen.
Dabei ist auch Psychologie gefragt. Die Ärzte sollen ihre Patientinnen
nach den Vorstellungen der Forscher schließlich dazu bringen, ihre
jungen Töchter gegen eine Krankheit impfen zu lassen, die sie sich
beim Geschlechtsverkehr holen könnten. "Auch der erste Kontakt
kann schon zu einer Infektion führen", so Erika Harzer, medizinische
Direktorin von Sanofi Pasteur MSD, das für Merck in Deutschland den
Impfstoff vermarktet.
Eine weitere Unsicherheit wird noch einige Zeit das Geschäft mit
der Krebsimpfung überschatten: Niemand kann derzeit sagen, wie lange
der Impfschutz anhält. "Nach den bisherigen Studien überblicken
wir eine vierjährige Beobachtungszeit", so Torsten Strohmeyer,
Leiter der Abteilung Forschung und Medizin bei Glaxo. Ob es mit der Impfung
wirklich gelingt, einen der häufigsten Tumoren weltweit entscheidend
einzudämmen, wird sich wohl erst nach ein bis zwei Jahrzehnten herausstellen.
Krebsforscher Gissmann plädiert trotzdem dafür, die Impfung
zum Standard zu machen. Denn mit jedem Verdachtsfall, der nicht weiter
verfolgt werden muss, sinken die Kosten für das Gesundheitswesen.
Impfstoffe unterscheiden sich geringfügig
Die beiden Impfstoffe unterscheiden sich dabei nur geringfügig: Leere
Virushüllen, so genannte "Virus-like Particles", regen
das Immunsystem zur Produktion von Antikörpern an. Sowohl Gardasil
(Merck) als auch Cervarix (Glaxo) richten sich allerdings lediglich gegen
die Typen 16 und 18, die rund 70 Prozent der Tumoren auslösen.
Wollte man auch gegen die seltenen Krebs auslösenden Virenstämme
impfen, müssten die Studien noch weit größer sein und
kämen damit noch erheblich teurer. "Ich glaube nicht, dass die
Unternehmen diesen Weg gehen werden", sagt Krebsforscher Gissmann.
Mit Mitteln der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung arbeiten Wissenschaftler
am deutschen Krebsforschungszentrum allerdings an einer anderen Erweiterung:
an einer zweiten Impfstoffgeneration mit kleineren Viruspartikeln. Sie
sind günstiger in der Herstellung und vertragen, anders als die derzeitigen
Präparate, auch einmal eine längere Zeit ohne Kühlung.
Damit kann der Schutz jene Regionen erreichen, in denen der Krebs besonders
häufig vorkommt: Schätzungsweise 80 Prozent aller neuen Fälle
treten in Entwicklungsländern auf.
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