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Er erschien am 9. September 2007 in der Schweizer Sonntagszeitung und steht Ihnen zur Zweitverwertung zur Verfügung. Bitte beachten Sie dazu meine AGB - oder setzen Sie sich am besten mit mir in Verbindung.

Die Pest geht wieder um

Die Seuche existiert noch – die Erreger sind zunehmend gegen Antibiotika resistent

Wer glaubt, die Pest sei eine Seuche des Mittelalters, der irrt. Sogar in der westlichen Welt ist die Krankheit noch längst nicht ausgestorben. Erst vor einigen Wochen schlug sie in einem Zoo im amerikanischen Denver zu. Dort verendete ein Kapuzineraffe an der Beulenpest. Wahrscheinlich hatte ein infiziertes Eichhörnchen aus dem nahen Stadtpark das todbringende Bakterium auf das Äffchen übertragen, wie das Gesundheitsamt der Stadt herausfand.

Dass sich die Krankheit, die im 14. Jahrhundert einen grossen Teil der Bevölkerung ausgerottet hat, auch wieder unter Menschen ausbreitet, ist nicht auszuschliessen. Möglicherweise ist sie dann noch schwerer zu behandeln als bisher. Denn der Erreger hat von anderen Bakterienarten gelernt, sich gegen Antibiotika zu wehren. Zudem scheint der Klimawandel eine Ausbreitung der Mikroben zu fördern.

Vor allem Nagetiere wie Murmeltiere, Eichhörnchen oder Ratten in Afrika, Russland, Kasachstan, Indien oder Amerika sind mit dem Pestbakterium Yersinia pestis infiziert. In Europa gibt es bisher vermutlich keine befallenen Tiere. Flöhe übertragen die Krankheit von Tier zu Tier, zuweilen aber auch auf den Menschen. Bleibt die Infektion unbehandelt, sterben mehr als 50 Prozent der Betroffenen. Zuletzt geschah das in grösserem Ausmass im letzten Jahr im Kongo und vor vier Jahren in Algerien.

Pesterreger haben die gleiche Resistenz wie Darmbakterien
Bereits vor zwölf Jahren hatte man bei einem pesterkrankten Jungtier aus Madagaskar Bakterien gefunden, die auf mindestens acht verschiedene Antibiotika nicht mehr reagierten. Weil aber die Insel im südlichen Afrika fernab von der dicht bevölkerten westlichen Welt liegt, regte diese Erschwernis bei der Behandlung der Infektion niemanden richtig auf. 

Doch kürzlich untersuchte der US-Mikrobiologe Jacques Ravel vom Institut für Genomforschung in Rockville, Maryland, das Erbgut der widerstandsfähigen Erreger genauer und veröffentlichte seine Beobachtungen im Fachmagazin «PLoS one». Er und seine Forscherkollegen fanden dabei überraschendes: Bei den
Pestbakterien stimmten die Genabschnitte für die Resistenz gegen Antibiotika mit denjenigen von Darmbakterien überein, die die Forscher Fleischproben aus Supermärkten entnommen und untersucht hatten.

In den USA wurden bis vor kurzem in der Viehzucht noch sehr häufig Antibiotika eingesetzt. Dadurch gewöhnten sich die sonst harmlosen Darmbewohner an die Wirkstoffe und konnten diese Information in ihrem Erbgut auch an andere Bakterienarten weitergeben. Ungeklärt ist jedoch, wie der Resistenzcode zu den Pesterregern auf Madagaskar gelangen konnte. Möglicherweise, so vermuten die Autoren, könnten Vögel die Mikroben mit ihrer gefährlichen Gen-Fracht nach Madagaskar mitgenommen haben.

«Die Resistenzentwicklung bei Bakterien gibt natürlich grundsätzlich Anlass zur Besorgnis», sagt Nadia Schürch vom Labor Spiez des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz. Allerdings hält sie wie ihr Münchner Kollege Jürgen Heesemann vom deutschen Konsiliarlabor für Pestausbrüche eine Wiederkehr des schwarzen Todes in Westeuropa auf Grund verbesserter Hygiene für unwahrscheinlich. «Auch bei multiresistenten Pesterregern können wir mit den vorhandenen Antibiotika noch sehr gut behandeln », so Heesemann.

Warmer Frühling und nasser Sommer begünstigen die Pest
Dass sich die Pestgefahr wieder erhöht hat, dafür gibt es noch einen anderen Grund: Veränderungen der klimatischen Bedingungen. Vor einigen Jahren beschrieb ein Artikel im Magazin «Science» den direkten Zusammenhang zwischen der Vermehrung der Grossen Rennmaus in Kasachstan und dem Vorkommen von Yersinia pestis. Die Mäuse sind dort der natürliche Wirt des Bakteriums. Und wie viele Nager mit den Pestbakterien infiziert sind, hängt direkt mit dem Klima zusammen, fand Nils Stenseth von der Universität Oslo heraus.

Ein warmer Frühling und ein nasser Sommer lassen die Häufigkeit um 50 Prozent ansteigen, wie Stenseth letztes Jahr in der Fachzeitschrift «PNAS» berichtete. Jahresringe an Bäumen erlauben Rückschlüsse auf das Klima früherer Jahrhunderte. Holzproben bestätigten Stenseths Vermutung: Im 14. und 19. Jahrhundert breitete sich der schwarze Tod immer dann aus, wenn Temperatur und Regenmengen günstig waren.

Doch nicht allein die natürliche Bedrohung ist es, die Bemühungen um eine Abwehr einer möglichen Seuche vorantreiben. «Die Pest steht bei den biologischen Terrorwaffen weit oben auf der Liste, und diverse Szenarien sind durchaus denkbar», sagt Nadia Schürch. England und die USA haben laut Jürgen Heesemann bereits Impfstoffe entwickelt, die nur noch auf einen Test bei einer Pestepidemie warteten. Auch im Labor Spiez macht man sich darüber Gedanken und will in Zukunft ein eigenes Projekt zur Pestabwehr starten.
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